Empirische Befunde
Armut, Erwerbsintegration und Einkommenssicherung
1. Armut und Erwerbsarmut
Erwerbstätigkeit schützt immer weniger vor Armut. Empirische Studien zeigen, dass die Armutsgefährdungsquote in vielen OECD-Ländern trotz steigender Erwerbstätigenquoten nicht gesunken ist.
Besonders deutlich ist der Anstieg der Erwerbsarmut: Immer mehr Personen erzielen trotz Beschäftigung ein Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle. Betroffen sind überdurchschnittlich häufig Beschäftigte im Niedriglohnsektor, in Teilzeit, in befristeten Arbeitsverhältnissen sowie Solo-Selbstständige.
Auch Mindestlohnerhöhungen haben diese Entwicklung bislang nur begrenzt aufgehalten. Die empirische Evidenz deutet darauf hin, dass Arbeitsmarktbeteiligung und Einkommenssicherung zunehmend auseinanderfallen. → OECD-In-work poverty → EU-Kommission / OECD – Take-up of social benefits
2. Transferentzugsraten und Einkommensdynamik
Mehr Arbeit bedeutet nicht automatisch mehr verfügbares Einkommen. Ursache sind hohe Transferentzugsraten: Mit steigendem Erwerbseinkommen werden Sozialleistungen reduziert, sodass Nettozuwächse häufig gering ausfallen. In bestimmten Einkommensbereichen summieren sich Anrechnungsregeln, Abgaben und Leistungskürzungen zu hohen effektiven Grenzbelastungen.
Empirische Studien zeigen, dass diese Effekte insbesondere Haushalte mit niedrigen Einkommen betreffen. Übergänge aus dem Transferbezug in stabile, existenzsichernde Beschäftigung bleiben dadurch begrenzt. Einkommensmobilität verläuft asymmetrisch: Abstiege sind häufiger als nachhaltige Aufstiege.
Die verbreitete Annahme, zusätzliche Erwerbsarbeit führe automatisch zu spürbaren Einkommensverbesserungen, findet in den Daten daher nur eingeschränkt Bestätigung. → OECD – Benefits and Wages: Effective Tax Rates
3. Verweildauern und Arbeitsmarktflüsse
Viele Übergänge bedeuten nicht automatisch stabile Erwerbsverläufe. Hohe Arbeitsmarktdynamik gilt in politischen Debatten häufig als Zeichen funktionierender Arbeitsmärkte. Statistiken verweisen auf zahlreiche Übergänge zwischen Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Transferbezug innerhalb kurzer Zeiträume.
Eine differenzierte Betrachtung zeigt jedoch ein anderes Bild. Hohe Übergangshäufigkeit geht vielfach mit langen kumulierten Verweildauern in prekären Beschäftigungsformen oder im Grundsicherungssystem einher. Kurzfristige Beschäftigung ersetzt stabile Erwerbsverläufe, ohne nachhaltige Einkommenssicherheit zu gewährleisten.
Empirisch entscheidend ist daher weniger die Zahl der Übergänge als die Frage, ob sie zu dauerhafter Stabilisierung führen. Für einen erheblichen Teil der Betroffenen ist dies nicht der Fall. → Empirische Referenz: OECD, Labour market flows and transitions
4. Nicht-Inanspruchnahme sozialer Leistungen
Ein zentraler empirischer Befund moderner Grundsicherungssysteme ist die hohe Nicht-Inanspruchnahme existenzsichernder Leistungen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten Leistungen nicht oder erst verzögert beantragt; Ursachen sind unter anderem Informationsdefizite, administrative Komplexität, Unsicherheit über Rechtsansprüche sowie die Angst vor Stigmatisierung.
Nicht-Inanspruchnahme hat dabei auch einen fiskalischen Effekt, da rechtlich bestehende Ansprüche nicht realisiert werden; aktuelle Studien schätzen die daraus resultierenden staatlichen Minderausgaben in Deutschland auf rund 25 Mrd. € jährlich.
Die Folge ist eine doppelte Verzerrung: Formale Sicherungssysteme erfüllen ihre Schutzfunktion nur eingeschränkt, während Armut statistisch und politisch teilweise unsichtbar bleibt und soziale Risiken individualisiert werden. → DIFIS – Nicht-Inanspruchnahme existenzsichernder Sozialleistungen
5. Wirkungen einkommensbezogener Transfers: Evidenz aus Sozialexperimenten
Empirische Erkenntnisse zu einkommensbezogenen Transfers stammen nicht nur aus bestehenden Sicherungssystemen, sondern auch aus groß angelegten Sozialexperimenten, insbesondere zur Negativen Einkommensteuer. Diese Studien kommen zu konsistenten Befunden:
- Die Effekte auf das Arbeitsangebot sind gering bis moderat.
- Positive Wirkungen zeigen sich hingegen bei Gesundheit, Bildungsbeteiligung, Wohlbefinden und Stabilität von Lebensverhältnissen.
- Einkommenssicherung wirkt vielfach stabilisierend auf soziale Reproduktion, ohne einen massiven Rückzug aus Erwerbsarbeit auszulösen.
Die empirische Evidenz relativiert damit einfache Anreiz- oder Abschreckungshypothesen. Wirkungen einkommensbezogener Transfers lassen sich nicht auf Arbeitsmarktbeteiligung reduzieren. → National Bureau of Economic Research – Negative Income Tax Experiments
6. Unsicherheiten und Interpretationsgrenzen
Die dargestellten Befunde unterliegen methodischen und kontextuellen Einschränkungen. Arbeitsmärkte, Sicherungssysteme und Einkommensverteilungen unterscheiden sich zwischen Ländern, Zeiträumen und Bevölkerungsgruppen; kausale Zuschreibungen sind daher mit Vorsicht zu interpretieren.
Über unterschiedliche Datensätze, Methoden und Kontexte hinweg zeigt sich jedoch ein konsistentes Muster: Die bestehenden Arrangements aus Erwerbsarbeit und Grundsicherung gewährleisten soziale Sicherheit nur eingeschränkt.
Übergang
Die empirischen Befunde beschreiben, was beobachtbar geschieht. Wie diese Entwicklungen institutionell verarbeitet, bewertet und gesteuert werden, ist Gegenstand der folgenden Unterseite:
→ Institutionelle Effekte