Dr. Klaus-Uwe Gerhardt
Warum Grundsicherung nicht genügt – und wie Existenzsicherung neu gedacht werden muss


Garantiertes Mindesteinkommen

Rechtsbasierte Existenzsicherung ohne Erwerbs- und Mitwirkungspflichten
1. Grundprinzip und Anspruchslogik


Ein garantiertes Mindesteinkommen (GMI) ist ein rechtsbasiertes Modell der Einkommenssicherung mit individuellem Anspruch auf existenzsichernde Leistungen, unabhängig von Erwerbsstatus und Arbeitsverpflichtungen. Anders als bedürftigkeitsgeprüfte Systeme ist der Anspruch nicht an Mitwirkungspflichten oder Verhaltensauflagen gebunden.

Zugleich ist das MEK kein universeller Transfer: Der Anspruch gilt nicht voraussetzungslos für alle, sondern beruht auf klar definierten rechtlichen Kriterien. Das Modell ist damit zwischen bedarfsgeprüfter Grundsicherung und universeller Einkommensgarantie angesiedelt. → GMI


2. Modellvarianten und institutionelle Ausgestaltung
Das garantierte Mindesteinkommen ist keine singuläre Konstruktion, sondern eine Modellfamilie mit unterschiedlichen Ausgestaltungen. Variationspunkte betreffen insbesondere:

  • die Höhe der garantierten Leistung,
  • das Verhältnis zu weiteren Einkommensquellen,
  • die Einbettung in Steuer- und Transfersysteme,
  • die Abgrenzung zu beitragsfinanzierten Sozialversicherungen.

Je nach Ausgestaltung kann ein GMI stärker einkommensabhängig oder stärker pauschal organisiert sein. Gemeinsam ist den Varianten die rechtliche Absicherung einer Mindestexistenz, die nicht über arbeitsmarktpolitische Steuerung vermittelt wird.

3. Wirkungsannahmen und empirische Bezugspunkte
Zentrale Wirkungsannahmen des GMI beziehen sich auf die Stabilisierung von Lebensverhältnissen, die Reduktion existenzieller Unsicherheit sowie die Entlastung administrativer Steuerung. Einkommenssicherung wird nicht als Instrument zur Verhaltenslenkung verstanden, sondern als Grundlage sozialer Teilhabe.
Empirische Evidenz stammt weniger aus umfassenden Implementationen als aus Teilmodellen, Pilotprojekten und vergleichbaren Arrangements. Die Befundlage deutet darauf hin, dass gesicherte Mindestansprüche positive Effekte auf Gesundheit, Bildungsentscheidungen und Übergangsstabilität haben können, ohne zwingend zu einem Rückzug aus Erwerbsarbeit zu führen. Aussagen bleiben jedoch kontextabhängig.

4. Administrative Logik und Governance-Effekte
Institutionell zielt das GMI auf eine Vereinfachung der Anspruchsarchitektur. Da Arbeits- und Mitwirkungspflichten entfallen, reduziert sich der Bedarf an Kontroll-, Sanktions- und Verhaltenssteuerung. Verwaltungshandeln konzentriert sich auf Anspruchsprüfung und Auszahlung.
Gleichzeitig entstehen neue Abgrenzungsfragen, etwa im Verhältnis zu ergänzenden Leistungen oder besonderen Bedarfslagen. Die administrative Entlastung ist daher nicht absolut, sondern abhängig von der Klarheit der rechtlichen Definitionen und der institutionellen Einbettung.

5. Systematische Spannungen
Auch das garantierte Mindesteinkommen weist strukturelle Spannungen auf:

  • Fiskalische Begrenzungen.
  • Höhe und Reichweite sind politisch umkämpft.
  • Abgrenzungsfragen: Das Verhältnis zu Sozialversicherungen und Zusatzleistungen bleibt klärungsbedürftig.
  • Politische Legitimation: Die Entkopplung von Arbeitspflichten fordert etablierte Gerechtigkeitsvorstellungen heraus.

Diese Spannungen ergeben sich nicht aus Implementationsfehlern, sondern aus der grundlegenden Logik des Modells.

6. Einordnung im Modellraum
Das garantierte Mindesteinkommen fungiert in meinen Arbeiten nicht als normatives Reformziel, sondern als analytische Referenz. Es erlaubt, bestehende Sicherungssysteme vergleichend zu untersuchen und strukturelle Steuerungsdefizite sichtbar zu machen. Als rechtsbasiertes Sicherungsmodell entkoppelt es Existenzsicherung von Erwerbs- und Verhaltensanforderungen, ohne universell voraussetzungslos zu sein. Seine Stärken liegen in Rechtssicherheit und institutioneller Entlastung, seine Grenzen in fiskalischen und politischen Restriktionen. Die spezifischen Trade-offs werden im systematischen Vergleich mit anderen Modellen sichtbar: 
→ Vergleich & Zielkonflikte