Negative Einkommensteuer
Steuerbasiertes Transfermodell mit gleitender Einkommensanrechnung
1. Grundprinzip und Mechanismus
Die Negative Einkommensteuer (NIT) ist ein steuerbasiertes Modell der Einkommenssicherung, das positive Steuerzahlungen und staatliche Transfers in einem integrierten System zusammenführt. Personen mit Einkommen unterhalb eines definierten Schwellenwerts erhalten eine staatliche Zahlung; mit steigendem Einkommen sinkt dieser Transfer kontinuierlich, bis er in eine reguläre Steuerzahlung übergeht.
Institutionell beruht die NIT auf der Annahme, dass Einkommenssicherung effizienter organisiert werden kann, wenn Steuer- und Transfersystem nicht getrennt, sondern als einheitlicher Mechanismus ausgestaltet sind. Eine klassische Bedürftigkeitsprüfung entfällt; der Leistungsanspruch ergibt sich allein aus der Einkommenshöhe. → Benefits and Wages: Tax-Benefit Models
2. Verteilungswirkungen und Einkommensdynamik
Die verteilungspolitischen Effekte einer Negativen Einkommensteuer hängen maßgeblich von drei Parametern ab:
- der garantierten Mindestsicherung,
- der Entzugs- bzw. Transferentzugsrate,
- der Einbettung in das übrige Steuersystem.
Empirische Simulationen zeigen, dass die NIT Einkommensarmut wirksam reduzieren kann, sofern die garantierte Mindestsicherung ausreichend hoch angesetzt ist. Gleichzeitig bleiben Leistungsansprüche einkommensabhängig, sodass soziale Sicherung weiterhin an Markteinkommen gekoppelt bleibt.
Im Unterschied zu bedürftigkeitsgeprüften Systemen verlaufen Einkommensübergänge gleitend. Sprunghafte Leistungskürzungen werden vermieden, Transferentzugsraten sind explizit politisch gestaltbar.
→ Euromod – European Union Tax-Benefit Model → DIW Berlin – Steuer- und Transfersimulationen
3. Verwaltungslogik und Implementationsfragen
Ein zentrales Argument für die Negative Einkommensteuer liegt in ihrer administrativen Einfachheit. Die Abwicklung erfolgt über das Steuerwesen; separate Sozialverwaltungen, Antragsverfahren und klassische Bedürftigkeitsprüfungen werden reduziert oder überflüssig. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen:
- Die zeitnahe Auszahlung erfordert aktuelle Einkommensdaten.
- Haushaltsbezogene Bedarfe (z. B. Wohnkosten, besondere Lebenslagen) lassen sich nur begrenzt abbilden.
- Personen ohne regelmäßige Steuererklärung oder mit stark schwankenden Einkommen können institutionell schwer erreichbar sein.
Die administrative Effizienz der NIT ist damit kontextabhängig und setzt leistungsfähige Steuerverwaltungen voraus. → European Commission – Tax administration and compliance
4. Empirische Evidenz aus Sozialexperimenten
Die Negative Einkommensteuer ist eines der am besten empirisch untersuchten Transfermodelle. Sozialexperimente in den USA und Kanada in den 1960er- und 1970er-Jahren liefern robuste Befunde:
- Die Effekte auf das Arbeitsangebot waren gering bis moderat.
- Positive Wirkungen zeigten sich bei Gesundheit, Bildung und Stabilität von Lebensverhältnissen.
- Es kam nicht zu einem massenhaften Rückzug aus Erwerbsarbeit.
Diese Ergebnisse relativieren einfache Anreizhypothesen, erlauben jedoch keine direkten Rückschlüsse auf heutige institutionelle Kontexte.
→ National Bureau of Economic Research – Negative Income Tax Experiments
5. Einordnung im Modellraum
Die Negative Einkommensteuer steht für ein integriertes Steuer-Transfer-Modell, das zwischen bedürftigkeitsgeprüfter Grundsicherung und universellen Transfers angesiedelt ist. Ihre Stärken liegen in administrativer Vereinfachung und gleitenden Einkommensübergängen.
Zugleich weist das Modell systematische Spannungen auf. Der Leistungsanspruch bleibt an Markteinkommen gekoppelt, individuelle Bedarfe lassen sich nur begrenzt differenzieren, und steuerbasierte Transfers sind fiskalisch transparent sowie politisch angreifbar. Die NIT reduziert administrative Komplexität, ersetzt jedoch keine umfassende Sozialstaatsarchitektur.
Diese Eigenschaften werden im systematischen Vergleich mit anderen Modellen sichtbar gemacht:
→ Vergleich & Zielkonflikte